Umfraut sein

Es ist 5:00 morgens, ich fahre mir dem Zug nach Basel. In Olten muss ich umsteigen und hole mir einen Tee. Die Verkäuferin schaut mich erst skeptisch an, dann merkt sie, dass ich nicht betrunken bin und eigentlich auch ganz freundlich. Sie schaut mir dankbar in die Augen und erzählt mir von den betrunkenen Übergriffen die sie während ihrer Schicht erlebt und dass sie froh ist, dass heute die Polizei im Bahnhof ist. Ich höre und sehe sie und bin ein bisschen berührt von ihren Mut so einen Job zu machen. Die Jungs hinter mir auch, sie warten geduldig bis sie fertig erzählt hat und als ich mich umdrehe schauen sie mir Bestätigung suchend in die Augen, ich nicke, lächle nochmal die Frau an und mache mich auf den Weg.


Später steigen zwei betrunkene Männer ein und fragen mich ob der Zug nach Gelterkinden fahre, ich bestätige und verweise auf die Tafel. Sie sitzen an einem anderen Ort hin, ich bin ein bisschen froh. Irgendwann knallts laut und ich höre Fluchen. Ich dreh mich um, einer liegt am Boden der Andere zerrt an ihm. Ich schaue weg, atme tief durch. Wieder so eine Situation, Betrunkene die Hilfe brauchen könnten. Mein Helferherz schlägt. Das letzte Mal hat mir das viel Frust und Ärger eingebracht mit Polizei, Beteiligten und meinen Träumen. Als ich mich wieder umdrehe, sitzt der Mann wieder und der Andere drückt ihm ein Taschentuch auf die Platzwunde. Ich schaue wieder weg, atme nochmal tief durch und entscheide bei mir zu bleiben und dass das erwachsene Männer sind die selber entschieden haben sich zu betrinken und es auch ohne meine Hilfe geht und ich ohne schlechtes Gewissen weiter Zugfahren kann. Bei der nächsten und übernächsten Station steigen weitere Betrunkene ein, die erst meinen Blick suchen, sich aber dann weiter hinten im Zug hinsetzen. Alle in meinem Rücken.


Ich fühle mich irgendwie unwohl, wohl grad so ähnlich wie die Frau beim Teestand, nur dass bei mir keine Polizei in der Nähe ist. Bei der nächsten Station steigt eine Frau ein, setzt sich zwei Sitze hinter mich. Eine weitere steht auf und setzt sich direkt hinter mich. Die Dritte in den Zweiersitz neben mir. Als meine Station kommt stehe ich auf, drehe mich nochmal um und muss lächeln: eine ganze Wand Frauenpower zwischen den Betrunkenen und mir. Die Frauen lächeln zurück. Fühlt sich gut an so umfraut zu sein, denke ich mir und starte in meinen Tag. Danke!