Karaoke

Ich war heute beim Karaoke im Mauerpark, alleine. Und habe ein Level von Integration erlebt, dass mir die Tränen in die Augen trieb.

Ich sitze da an einem schattigen Plätzchen in der Tribüne aus Naturstein in der Mitte eine riesige runde Bühne, etwas müde, etwas einsam. Der Organisator hat Ewigkeit bis er seine Boxen an der Batterie und am Laptop angeschlossen hat und Regenbogenfarbene Schirme als Schutz aufgestellt hat und ich frage mich schon ob ich wohl wieder gehen soll. Dann gehts los, der Moderator fragt ins Publikum wer einen Song singen will und die Hände schnellen in die Luft. Als erster singt ein Herr Jamie Cullum, währendessen sucht der Moderator eine Nonne aus Frankreich aus dem Publikum die "Oops I did it again" von der guten Britney singt, das Publikum singt und lacht und jolt. Dann ein kleines Mädchen ca 4 Jährig das schamlos jeden Ton des Prinzessinnen-Lied ins Mikrofon schreit und dabei in ihrem Tigerkleid tanzt, unter riesigem Applaus verbeugt sie sich und macht Platz für eine Gruppe aus Spanien die Despacito mehr tanzt als singt, ein älterer Herr, der Helmut, den man zu kennen scheint, singt Schlager acappella und wünscht sich den Weltfrieden, die Brasilinerin macht Adèle echte Konkurenz, und sonst Liebeslieder, Greenday und Chanson. Ich singe und klatschte und manchmal muss ich mir den Bauch halten vor lauter Lachen. Zwischen den Auftritten und während dem Song suchen macht der Moderator einen Witz nach dem andern, immer dirket, immer auf den Punkt aber immer äusserst respektvoll. Irgendwann sagt er: ich weiss wer jetzt dran ist, legt er das Mikrofon hin und geht ins Publikum. Als er zurück kommt hieft er mit 10 anderen Menschen einen Rollstuhl auf die Bühne, darin eine junge Frau, die vor lauter Freude und Aurefregung eine Spastik nach der anderen hat und sich kaum im Rollstuhl halten kann. Er händigt ihr das Mikrofon aus, nicht ohne sie vorher zu fragen ob sie es auch halten kann. Dann ist der Laptop zu weit unten und der Text für sie nicht lesbar, ein Smartphone wird gebraucht, ca 5 Menschen aus dem Publikum springen auf die Bühne um ihres anzubieten, die ersten drei haben kein Internet, das vierte nicht der richtige Stecker und mit dem fünften klappts dann. Die Frau lacht währenddessen herzerwärmend ins Mikrofon. Während der Moderator das Handy mit dem Text hält singt die junge Frau "This girl is on fire" und sie ist so on fire dass ich mich fragte wann ihr Rollstuhl wohl zu rauchen anfängt und als 1000 Menschen den Refrain mitsingen quitscht sie vor Vergnügen, als sie fertig ist schaut sie verlegen auf, das Publikum tobt - Standing Ovation - sie kann es kaum glauben, es tobt und jolt und pfeift von allen Seiten. Als ich verstohlen meine Tränen wegwische, schaue ich mich um und kann ich einige Tränen sehen, die ganz Geschichte erzählen - von Liebe, von Freude, von Zuversicht, von Zusammengehörigkeit, von Gemeinschaft, vom Ganzen, von Verbundenheit und von Respekt und plötzlich kann ich all diese Menschen auf einmal fühlen und mich als Teil davon, immer verbunden immer ganz. Der Applaus hört nicht auf, bis er jede einzelnen Zelle der jungen Frau durchdrungen hat und sichergestellt hat das alle Verstanden haben: wir, alle, jede*r einzelne, zusammen, ganz, immer, ewig.

Völlig beseelt, komplett aufgeladen und erfüllt verlasse ich den Platz und schicke ein Stossgebet für mehr solches liebevolle Zusammen in die Welt.