Lesbos 6 - Kinder und Garten

Ich habe die meiste Zeit im Kindergarten oder im Maintenance and Construction-Team, welches das Camp im Schwung hält, gearbeitet. Als ich die erste Woche im Kindergarten aushelfen sollte, wusste ich nicht so genau, was mich erwartet. Also ging ich einfach mal hin und liess mich überraschen: Ein einfaches Gebäude aus Containern, liebevoll eingerichtet und über und über mit allem voll mit dem man basteln, spielen, malen, puzzeln... kann. Wunderbar. Wir spielten mit den Kindern nach dem Ankommen das, was die Kinder wünschten. Wie wir Erwachsene es vielleicht mit anderen Dingen kennen, wollten die Kinder immer genau dieses Spielzeug haben, welches ein anderes Kind hatte, obwohl es mehr als genug Autos und Puppen gibt. Also verbrachte ich am Morgen die meiste Zeit damit zu schlichten und Tränen wegzuwischen. Mir war davor überhaupt nicht bewusst, wie schwierig es ist eine Gruppe von Kindern in fröhlicher Stimmung zu halten, wenn man keine gemeinsame Sprache hat und oft die Kinder nicht mal die gleiche Sprache sprechen. Also kam es öfter zu Schlägen, Schubsen, beleidigtes in der Ecke sitzen, Tränen und Spielzug werfen. Das blöde war nur, dass ich dann oft auch nicht mitbekam, wenn sie sich „Schlämperlige“ an den Kopf warfen, und lachte wohl mehr als weniger im falschen Moment oder schlichtete aus der falschen Position.

Nach dem Spielen war Circle Time, dort sagen wir Lieder oder lasen Bücher vor. Danach gab es unterschiedliche Aktivitäten: Mal Malen, dann Basteln, im Sandkasten wühlen, Gärtnern oder Fussball spielen. Zur Snacktime gab es meistens Brot, Käse und an manchen Tagen pressten die Kinder Orangen aus, um dann den frischen Orangensaft zu trinken. Danach war der Kindergarten dann auch schon bald wieder zu Ende und die Kinder sollten nach Hause gehen. Doch immer war der Ärmel nass und so konnte man, nach Meinung der Kinder, auf keinen Fall nach Hause gehen. Manchmal musste der Boden noch ein zweites oder drittes Mal gewischt werden oder ein Spielzeugauto landete versehentlich in einer Hosentasche, was dann zu einer „ You Alibaba - No, you Alibaba“ Diskussion führte. Alibaba heisst für die Kinder Dieb und wenn man das sagte, nahmen sie dann super ernst und wollen auf gar keinen Fall ein Dieb sein, aber die Verlockung ein Spielzeugauto zuhause zu haben war dann doch wiederum sehr gross. Oder sie hatten urplötzlich eine supertolle Idee, was man doch noch basteln könnte und da ich den kreativen Flow nicht stoppen wollte, begann manchmal der Kindergarten erst nach dem offiziellen Kindergarten. Nach der ersten Woche kam eine neue Volunteer nach Pikpa, die sich für den Kindergarten gemeldet hatte. Also wurde ich kurzerhand wieder zurück ins Maintenance and Construction Team befördert. Da ich ja neu ein offizieller Volunteer war, konnte ich wählen, wo ich arbeiten sollte und da bisher niemand im Garten war, entschied ich mich dafür. Am Montag verschaffte ich mir einen kleinen Überblick über den Garten und begann mit Steinen den Pfad durch den Garten zu schmücken, merkte aber schon das ich mich schlechter und schlechter fühlte. Am nächsten Tag hatte es mich so ins Bett gehauen, dass ich es die ganze Woche nicht mehr schaffte, arbeiten zu gehen. Als ich wieder auf den Beinen war und zur Arbeit ging, erfuhr ich, dass der Garten die ganze Woche ein Thema im Team war und plötzlich das ganze Maintenance and Construction Team im Garten arbeiten wollten.

Garten und zukünftiger Erholungsort

Also war ich nicht mehr verantwortlich für den Garten und wieder ein reguläres Teammitglied des Teams. Das frustrierte mich etwas, da meine ganze Arbeit, die ich am Montag zuvor verrichtete hatte, über den Haufen geworfen wurde und ich der Wunsches endlich ein eigenes Projekt zu haben, wieder zu einem unerfüllten Träumchen wurde. Viele der Bewohner und Kinder halfen fleissig im Garten mit und muss sagen, der Garten wächst zu einer wunderbaren Erholungsoase für die ganze Pikpa-Community heran. Nach der Woche in Kindergarten und den vielen „Über- stunden“ mit den Kids fühlte ich mich bereit die Vertretung für die Kindergartenleiterin zu übernehmen, während sie in den Ferien ist. Ich hatte aber nicht bedacht, dass ich eine Gruppe Kinder betreue, deren Sprache ich nicht spreche, die schwer traumatisiert sind, diese manchmal aus sehr sehr schwierigen Familiären Verhältnissen kommen und eine Altersspanne von 2-12 Jahren hatte und ein Kind, das ich zu dem Zeitpunkt noch nicht mal kannte, Autist war. Also verbrachte ich eine intensive Woche damit, herauszufinden, welche Aktivitäten sich ohne Worte, mit Kleinkinder und fast Jugendliche, zum Teil schwer traumatisierte durchführen liessen und einen Autisten mit einbezogen.

Ich glaube, ich habe in dieser Zeit kein einziges Lied währen der Circle Time zu Ende singen können, ohne dass ein Kind davon lief, mit den Kissen um sich schlug oder so lang zwägelte, bis es auf meinem Schoss sitzen konnte. Am letzten Tag entdeckte ich das Erfolgsrezept: Sandkasten. Sand von oben bis unten in jeder Ecke des Kindergartens, aber glückliche Kinder. Der einzige Nachteil war, das ich T*, S* und R*, obwohl ich alle Kinder in regenfeste Kleider packte und Stiefel steckte, jedes Mal eine halbe Stunde die Hosen putze, Sand aus den Haaren pickte und Socken trocknen musste, da sie mir mit Gesten und wenigen Worten klar machten, dass sie zuhause geschlagen werden, wenn sie nass oder dreckig nach Hause kommen und mit schon nur der Gedanke daran das Herz brach.


Liebesbriefe

Obwohl ich mich nicht in die Erziehung der Familie einmischen kann, stelle ich mir einige Fragen dazu, warum die Kinder zuhause geschlagen werden und dessen Bezug zum „auf der Flucht sein“. Geht es darum, dass die Familie nicht unendlich viele Kleider zum Wechseln zur Verfügung hat? Fühlen sie sich nur als Flüchtling gesehen und nicht als Mensch, wenn die Kinder nicht komplett sauber auf dem Camp unterwegs sind? Oder sind die Eltern einfach nur erschöpft oder ist das einfach Teil der Kultur und nur ich finde es nicht in Ordnung, weil ich es mir anders gewohnt bin? Ich werde die Antwort wohl nicht so schnell oder gar nicht herausfinden, bin aber froh, dass die Familie in Pikpa in einem etwas geschützten Rahmen lebt und nicht im Dschungel Moria; Obwohl es dort wohl leider Tausende von Kindern und Eltern die in ähnlichen überfordernden Situationen sind und die an ihre Grenzen stossen und den Schutz in Pikpa nötig hätten.


Ich habe viel von und mit den Kindern gelernt. Zwar war ich nach den drei Stunden jedes Mal fix und fertig, aber voller neuer Erkenntnissen und manchmal mit einer Liebeserklärung in der Hand. (Dezember 2017 - April 2018)

*Namen zum Schutz der Menschen unkenntlich gemacht